Ein Meeting. Jemand fällt dir ins Wort. Eine Kleinigkeit.

von Marlies Koel – 01. Oktober 2026

Und in dir rollt eine Welle an, die viel größer ist als der Moment. Hitze im Gesicht. Enge im Hals. Ein Gefühl, das dich selbst überrascht.

Kennst du solche Momente?

Die erste Bewegung geht fast immer nach außen. Wir suchen die Ursache beim Kollegen, bei der Chefin, beim Partner. Sie haben den Knopf gedrückt. Das stimmt.

Und gleichzeitig gilt: Der Knopf selbst sitzt in dir. Er ist sehr alt. Und er trägt eine Botschaft.

Ein Gefühl, das größer ist als die Situation, ist eine Einladung. Es zeigt dir den Weg zurück zu einem Moment, in dem du etwas Wichtiges über dich entschieden hast.

In meiner Arbeit nenne ich diesen Weg den Erzählmodus. Er beginnt immer mit genau diesem Gefühl.

Zuerst benennst du es. Was fühle ich wirklich? Was liegt unter dem Ärger, unter der Erschöpfung?

Dann gehst du in den Körper. Er erinnert sich an alles, lange bevor wir Worte dafür hatten. Wo spürst du es? Im Magen, in der Brust, im Hals?

Und dann kommt die Frage, die alles verändert:

Wie alt könnte ich gewesen sein, als ich das zum ersten Mal so gefühlt habe?

Antworte spontan. Eine Zahl, ein Bild, eine Ahnung genügt. Aus dieser Ahnung entsteht ein Bühnenbild. Wer war dabei? Wo war das? Was ist passiert?

Emma ist heute siebzig. Ihr Bühnenbild: ein Kindergarten, geführt von Nonnen. Emma ist ungefähr vier. Wegen einer Kleinigkeit, die längst verblasst ist, stellt die Erzieherin sie vor der ganzen Gruppe in die Ecke. Sichtbar für alle. Allein.

Das kleine Mädchen trifft in diesem Moment eine Entscheidung, tief und leise: Ich bleibe klein und leise. Dann bin ich sicher.

Diese Entscheidung hat Emma ein Leben lang getragen. Sie war für alle da, verlässlich, freundlich, im Hintergrund. Und eine Begabung, die sie seit zwanzig Jahren in sich spürt, wartete die ganze Zeit geduldig auf ihren Auftritt.

Im Erzählmodus stellen wir an das Bühnenbild drei Fragen:

Was habe ich in diesem Moment über mich entschieden?

Was habe ich über die anderen entschieden?

Was habe ich über das Leben entschieden?

Aus den Antworten entsteht dein Credo. Ein Satz, der seitdem im Hintergrund läuft und erstaunlich viel erklärt.

Und dann stelle ich eine Frage, die viele zunächst überrascht:

Würdest du dieses Kind heute adoptieren? Mit Haut und Haaren, mit allem, was es war und ist?

Manchmal braucht die Antwort Zeit. Auch das ist wertvoll. Sie zeigt, wie weit der Weg zurück zu dir gerade ist. Und jeder Schritt auf diesem Weg bringt dich näher nach Hause.

Du findest den Ursprung deines stärksten Gefühls in dir. Genau dort wartet auch seine Lösung.

𝗝𝗲𝘁𝘇𝘁 𝗱𝘂

Welches Gefühl überrollt dich immer wieder, größer als der Anlass?

Wie alt könntest du gewesen sein, als du es zum ersten Mal so gespürt hast?

Mein Tipp: Nimm dir einen ruhigen Moment, einen Stift und ein Blatt Papier. Schreib mit der Hand. Die Hand schreibt oft, was der Kopf erst später begreift.

𝗗𝗲𝗶𝗻 𝗚𝗲𝗳ü𝗵𝗹 𝘇𝗲𝗶𝗴𝘁 𝗻𝗮𝗰𝗵 𝗶𝗻𝗻𝗲𝗻. 𝗙𝗼𝗹𝗴𝗲 𝗶𝗵𝗺. 𝗘𝘀 𝗸𝗲𝗻𝗻𝘁 𝗱𝗲𝗻 𝗪𝗲𝗴.

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