Mitgefühl ist nicht dasselbe wie Verstehen

von Andrea Klara Fröhlich – 11. August 2026

Erst als ich selbst die Diagnose Krebs erhielt, bekam ich eine Ahnung davon, was eine Herzensfreundin Jahre zuvor durchlebt hatte.

Hatte ich ihr damals nicht zugehört?

Doch.

Hatte ich kein Mitgefühl?

Doch.

Und trotzdem war etwas anders.

Vor meiner eigenen Erkrankung wusste ich, dass Krebs Angst macht. Ich wusste, dass Behandlungen belastend sein können. Ich wusste, dass eine solche Diagnose das Leben erschüttern kann.

Aber erst als ich selbst betroffen war, bekam all dieses Wissen eine andere Bedeutung.

Plötzlich waren es nicht mehr nur Worte.

Plötzlich waren da die Fragen, die Unsicherheit, die schlaflosen Nächte und die Konfrontation mit der eigenen Verletzlichkeit.

In diesem Moment verstand ich etwas Wichtiges:

Mitgefühl und Verstehen sind nicht dasselbe.

Wir können einem Menschen aufrichtig zuhören.

Wir können ihn ernst nehmen.

Wir können mit ihm fühlen.

Und trotzdem werden wir nie vollständig wissen, wie sich sein Erleben anfühlt.

Vielleicht gilt das nicht nur für Krankheit.

Vielleicht gilt es auch für Trennungen, Einsamkeit, Überforderung, den Verlust eines geliebten Menschen oder für schwierige Erfahrungen in der Kindheit.

Oft glauben wir erst dann zu verstehen, wenn das Leben uns selbst berührt.

Doch selbst dann erleben wir die Welt nicht genauso wie der andere Mensch.

Jede Geschichte ist einzigartig.

Diese Erkenntnis hat mich bescheidener gemacht.

Sie hat mich vorsichtiger werden lassen mit schnellen Ratschlägen und mit Sätzen wie:

"Ich weiß genau, wie du dich fühlst."

Nein.

Das weiß ich nicht.

Aber ich kann zuhören.

Ich kann nachfragen.

Ich kann versuchen zu verstehen.

Und manchmal ist genau das das größte Geschenk, das wir einem anderen Menschen machen können.

Weitere Blogbeiträge mit den Schlüsselworten