Was 58 Jahre schiefgelaufen ist, braucht auch viele Jahre, um sich zu verändern
von Tina von Gadomski – 10. Juni 2026Das sagte er in unserer ersten Sitzung. Und ich musste ihm diesen Glauben lassen. Denn ich weiß und sagte es auch: So, wie wir glauben, dass etwas läuft, so erleben wir es oft auch. Sechs Wochen später saß er wieder vor mir.
Er wollte mir berichten, was alles unglaubliches passiert sei. In den vergangenen sechs Wochen hatte sich etwas grundlegendes verändert, das ihn jahrzehntelang belastet hatte. Nicht ein bisschen, sondern Grundlegend. Er begann mir von seinen Gefühlen zu erzählen, die er bisher nur aus den Geschichten anderer Menschen kannte. Vom Zulassen und ausleben. Von Lebendigkeit. Von Möglichkeiten. Von tiefer Liebe. Von dem Gefühl, endlich nicht mehr von außen nach innen zu leben, sondern von innen nach außen.
Dann hielt er kurz inne und sagte: „Aber mir ist bewusst, dass ich für mein Trauma wohl noch viele Jahre brauchen werde, bis es vollständig gelöst ist.“ Ich schaute ihn an und sagte schmunzelnd: „Weißt du was? Am liebsten würde ich dir jetzt eine reinhauen.“ Er starrte mich erschrocken an. „Wieso das denn?“ „Weil du immer noch an diesen Satz glauben willst. An die Geschichte, dass es Jahre dauern muss. Obwohl du längst das Gegenteil erlebst.“ Er schwieg. „Schau dir an, was dir in den letzten sechs Wochen möglich geworden ist“, sagte ich. Da wurde er still. Sehr still.
Dann sah er mich an und sagte: „Stimmt. Es hat sich alles verändert. In nur sechs Wochen.“ Und genau in diesem Moment verstand er es. Nicht mit dem Kopf. Sondern wirklich. Seine Augen wurden feucht. Und dann weinte er. Diesmal nicht mehr aus seinem Schmerz heraus, sondern vor Erleichterung und Glück.