Das Telefon klingelt. Wie schnell greifst du danach?

von Ulrike Scholz – 22. Juni 2026

Eine Klientin kam zu mir in die Praxis, weil sie im Beruf „die vielen Bälle nicht mehr gleichzeitig in der Luft halten konnte“.
Sie wünschte sich Tipps zur Stressregulation.

Als sie ihren Arbeitsalltag beschrieb, wurde schnell deutlich: Sie war längst im Funktionsmodus angekommen.
E-Mails.
Meetings.
Aufgaben.
Und ständig klingelte das Telefon.

„Das Telefon hält mich die ganze Zeit von meiner Arbeit ab“, sagte sie.

Dieser Satz machte mich neugierig. Also fragte ich:
„Wie genau macht das Telefon das?“

Sie schaute mich an, überlegte kurz – und musste dann selbst lachen.
Natürlich hält das Telefon sie nicht von der Arbeit ab.
Es klingelt einfach.
Den Rest macht sie selbst.

Und genau daraus entstand eine kleine Übung, die ich gerne die Telefonmeditation nenne.

Sie funktioniert so:

Das Telefon klingelt.
Und statt sofort danach zu greifen:
Atmen.
Noch einmal klingeln lassen.
Weiter atmen.

Und neugierig werden.
Wie oft klingelt es?
Legt der Anrufer wieder auf?
Springt die Mailbox an?
Kann ich später zurückrufen?
Was passiert, wenn ich nicht sofort reagiere?

Viele merken, wie schwer ihnen diese wenigen Sekunden fallen.
Und sind gleichzeitig überrascht, wie viel Ruhe eigentlich darin liegt.

Die Übung erinnert mich an ein bekanntes Zitat von Viktor Frankl:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.“

Genau dieser Raum interessiert mich.
Denn dort entsteht Selbstwirksamkeit.

Dort erkennen wir:
Nicht jeder Reiz verlangt eine sofortige Reaktion.
Nicht jedes Klingeln ist ein Notfall.
Und nicht alles muss jetzt sofort passieren.

Ein angenehmer Nebeneffekt:
Wenn wir ruhig und präsent ans Telefon gehen, profitieren nicht nur wir davon,
sondern auch die Menschen am anderen Ende der Leitung.

👉 Bei welchem Alltagsreiz reagierst du oft schneller, als dir eigentlich lieb ist?


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