Krankheit verändert unser Verhältnis zur Zeit.

von Antje Petershagen – 14. August 2026

Vor einer schweren Diagnose gibt es oft ein ziemlich selbstverständliches Morgen.

Man plant, man verschiebt Dinge, man denkt in Jahren.

„Das mache ich später.“
„Wenn ich in Rente bin.“
„Nächstes Jahr fahren wir nach …“

Dann kommt eine Diagnose und plötzlich bekommt Zeit eine andere Qualität.
Aus dem Morgen kann ein Vielleicht werden, aus fünf Jahren eine kaum vorstellbare Ewigkeit.
Aus einem ganz normalen Dienstag ein Tag, der plötzlich zählt.

Die Medizinanthropologie beschäftigt sich auch mit solchen Veränderungen.
Denn Zeit ist nicht nur etwas, das auf einer Uhr vergeht.
Zeit wird erlebt und sie wird kulturell geprägt.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Zukunft normalerweise als etwas Planbares betrachtet.
Karriereplanung, Altersvorsorge, Familienplanung, Urlaubsplanung, Lebensplanung.
Krankheit kann diese Ordnung erschüttern.

Und genau deshalb endet eine Krankheit nicht unbedingt mit dem Ende der Behandlung.
Denn selbst wenn medizinisch alles „gut“ aussieht, kann sich das persönliche Zeiterleben verändert haben.
Manche Menschen beginnen plötzlich, Dinge nicht mehr aufzuschieben.
Andere erleben die Zukunft als unsicher.

Wieder andere müssen überhaupt erst wieder lernen, Zukunft zu denken.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Wort „gesund“ nach einer schweren Erkrankung manchmal so wenig beschreibt.
Der Körper kann behandelt sein, aber der Mensch muss möglicherweise erst wieder eine Beziehung zu seiner Zukunft entwickeln.
Heilung kann deshalb auch bedeuten, wieder Zeit zu haben.

Nicht nur Lebenszeit, sondern eine Zukunft, die sich wieder nach Leben anfühlt.

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