Original oder Kopie? Deine Würde ist unbezahlbar

von Marlies Koel – 20. Oktober 2026

„Wir werden alle als Originale geboren, warum sterben so viele von uns als Kopien?”

Diese Frage stellte der englische Dichter Edward Young vor über 250 Jahren. Sie begleitet mich seit vielen Jahren. Gerade jetzt, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, bekommt sie für mich eine ganz neue Kraft.

Was unter der Angst liegt

In Teil 1 ging es um die Angst, überflüssig zu werden. Heute möchte ich eine Schicht tiefer schauen. Denn diese Angst erzählt viel darüber, woran wir unseren Wert knüpfen.

Viele von uns haben früh gelernt: Ich bin wertvoll, wenn ich etwas leiste. Wenn ich funktioniere, Erwartungen erfülle, nützlich bin. Wer so gelernt hat, für den wird jede schnellere Maschine zur Bedrohung. Sie leistet ja mehr, schneller, günstiger und rund um die Uhr.

In meiner Arbeit begegnet mir dieses Muster täglich. Ich nenne es die Suche nach dem Lebensberechtigungsschein: das tiefe Gefühl, sich das Recht auf das eigene Leben erst verdienen zu müssen. Durch Leistung, durch Anpassung, durch Perfektion.

Die gute Nachricht: Diesen Schein stellt dir nur ein Mensch aus. Du selbst.

Preis oder Würde

Immanuel Kant hat dazu 1785 einen Satz geschrieben, der mich bis heute berührt: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde. … Was über allen Preis erhaben ist, … das hat eine Würde.”

Eine Maschine hat einen Preis. Sie lässt sich ersetzen, durch ein neueres Modell, ein besseres Update. Du hast eine Würde, die einzigartig und unersetzbar ist. Sie war da, bevor du deine erste Leistung erbracht hast und sie bleibt, ganz gleich, was eine KI morgen alles kann.

Würde bedeutet: Ich bin mehr als mein Output. Ich bin ein Mensch, vollkommen in meiner Unvollkommenheit.

Das Apfelbäumchen und der goldene Apfel

Vor Kurzem habe ich im Newslichter mein Bild vom Apfelbäumchen beschrieben. Das erste Bäumchen steht tief verwurzelt da und tut, wofür es gekommen ist: Es macht Äpfel und es ist ohne Bedeutung ob sie groß, klein oder fleckig sind. Es kennt keine EU-Norm und es berührt das Apfelbäumchen nicht, ob sie geerntet, von Vögeln angepickt oder zu Boden fallen. Es macht das, wofür es gekommen ist. Es macht Äpfel. Jahr für Jahr.

Das zweite Bäumchen hängt voller Äpfel mit Stimmen: Sollte, Hätte, Vielleicht, Man, Aber, Wenn und ganz oben glänzt ein goldener Apfel, das perfekte Ideal, an dem sich alle anderen messen. Es hat dadurch vergessen, wofür es gekommen ist.

Was wäre, wenn die KI der neueste goldene Apfel ist. Sie schreibt fehlerfrei, rechnet blitzschnell, weiß scheinbar alles, funktioniert perfekt. Eine KI lernt aus dem, was bereits da ist, was wir ihr gegeben haben. Sie ist vielleicht die perfekteste Kopiermaschine, die wir Menschen je gebaut haben. Das Original ist etwas ganz anderes. Das Original bist du: deine Geschichte, deine Erfahrungen, dein Körper, dein Herz, deine Art, die Welt zu sehen.

Würde heißt Echtheit

Für mich gehört zur Würde noch etwas Wesentliches: echt zu sein. Statt eine Rolle zu spielen, Erwartungen zu erfüllen und zu funktionieren, zeige ich mich so, wie ich bin.

Das braucht Mut. Anpassung fühlt sich zunächst sicherer an. Einst war sie einmal eine kluge Überlebensstrategie Gleichzeitig hat jeder von uns die Wahl, vom Funktionieren ins Leben zu wechseln.

Hier liegt für mich das Schöne an dieser Zeit: Je mehr Maschinen das Funktionieren übernehmen, desto mehr Raum bekommen wir für das, was nur wir Menschen können. Lebendig sein, fühlen, einander begegnen und echt sein.

Wenn Würde spürbar ist, wird das Original möglich.

Dein Lebensberechtigungsschein

Ich bin. Ich entscheide. Ich handle.

Ich bin: Ich bin wertvoll, einfach weil ich da bin. Ich entscheide: Ich stelle mir meinen Lebensberechtigungsschein selbst aus. Ich handle: Ich zeige mich als Original. Heute, in einem kleinen Moment.

Wie oft sagst du sollte, man, eigentlich, aber oder vielleicht? Wir haben alle unsere Sprachmuster und unsere Lieblingswörter.

Nimm dir eine Frage mit, die ich in meiner Begleitung gerne stelle: Wann hast du dir zuletzt erlaubt, einfach da zu sein, weil du da bist?

In Teil 3 geht es um Freiheit und Verantwortung: Lebst du, oder wirst du gelebt?

Schreib mir gerne in die Kommentare: Welche Frucht möchtest du in die Welt bringen?

Schreib mir, wenn du 𝗺𝗲𝗶𝗻 𝗻𝗲𝘂𝗲𝘀 𝗘-𝗕𝗼𝗼𝗸 „𝗗𝗶𝗲 𝗠𝗲𝘁𝗮𝗽𝗵𝗲𝗿 𝗱𝗲𝘀 𝗔𝗽𝗳𝗲𝗹𝗯ä𝘂𝗺𝗰𝗵𝗲𝗻𝘀. 𝗘𝗶𝗻𝗲 𝗚𝗲𝘀𝗰𝗵𝗶𝗰𝗵𝘁𝗲 ü𝗯𝗲𝗿 𝗪ü𝗿𝗱𝗲, 𝗘𝗿𝘄𝗮𝗿𝘁𝘂𝗻𝗴𝗲𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗲𝗻 𝗠𝘂𝘁, 𝗱𝘂 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝘇𝘂 𝘀𝗲𝗶𝗻“ erhalten möchtest.