Mit den vier Seiten einer Nachricht habe ich auch lange Menschen ...
von Friederike von Corratio – 23. September 2026.... für ihr Verhaltalten entschuldigt.
Das Nachrichtenquadrat von Schulz von Thun Institut für Kommunikation habe ich im Studium gelernt und seitdem unzählige Male in meiner Arbeit benutzt.
Eine Reihenfolge haben wir dabei nie gelernt.
Trotzdem habe ich das Modell ganz selbstverständlich in einer bestimmten Richtung betrachtet.
Was ist der Appell?
Was möchte jemand mit seiner Nachricht erreichen?
Und was ist die Selbstoffenbarung?
Was steckt dahinter? Ein Bedürfnis? Angst? Überforderung? Der Wunsch nach Kontrolle?
Beruflich war das ausgesprochen hilfreich.
Ich konnte mit Menschen herausarbeiten, was möglicherweise hinter dem Verhalten ihres Gegenübers steckt – und dann überlegen: mitgehen, widersprechen, eine Grenze setzen oder strategisch aus der Situation aussteigen?
Sehr praktisch als Psychologin.
Irgendwann habe ich allerdings gemerkt, dass ich dieselbe Fähigkeit privat auf eine etwas ungünstige Weise perfektioniert hatte:
Ich konnte nahezu jedes Verhalten meiner Teenager-Kinder erklären.
Pubertät.
Ablösung.
Loyalitätskonflikte.
Stress.
Überforderung.
Autonomiebestreben.
Irgendwas passte eigentlich immer. 😉
Sehr praktisch als Psychologin.
Zunehmend unpraktisch als Mutter.
Denn vor lauter Verstehen übersprang ich manchmal eine entscheidende Frage:
Was macht dieses Verhalten eigentlich mit mir?
Es hat Jahre gedauert, bis ich angefangen habe, das Kommunikationsquadrat für mich gewissermaßen entgegen dem Uhrzeigersinn zu lesen.
Heute nehme ich zuerst meine eigene Reaktion ernst.
Was fühle ich gerade?
Bin ich verletzt, wütend, traurig, überfordert?
Nicht, weil mein Gefühl beweist, dass mein Gegenüber etwas falsch macht.
Aber es ist eine Information. Und die möchte ich nicht mehr wegverstehen.
Dann kommt für mich die Beziehungsebene:
Was passiert hier gerade zwischen uns?
Sind wir auf Augenhöhe?
Werde ich abgewertet? Werte ich selbst ab?
Und was würde meine Reaktion mit unserer Beziehung machen?
Erst daraus entsteht mein Appell:
„Halt. Stopp. Hier ist meine Grenze.“
Oder:
„Du hast deinen Satz gesagt. Jetzt sage ich meinen. Danach schauen wir gemeinsam weiter.“
Oder eben:
„Okay. Wollen wir etwas anderes versuchen?“
Und erst danach darf die Psychologin in mir wieder überlegen, was beim anderen wohl dahintersteckt. 😉
Denn natürlich möchte ich meine Kinder verstehen.
Ich möchte nur nicht mehr mich selbst verlieren, während ich sie verstehe.
Vielleicht ist genau das der Unterschied:
Verstehen erklärt Verhalten.
Aber Verstehen verpflichtet mich nicht dazu, jedes Verhalten hinzunehmen.
Und jetzt interessiert mich:
Kennt Ihr das auch – dass etwas, das beruflich ein echter Booster ist, privat plötzlich zum Bremsklotz wird?