Was, wenn Ungeduld die Verkleidung meiner Angst ist?

von Friederike von Corratio – 18. August 2026

Gestern habe ich eine Körperübung gemacht.

Und plötzlich liefen mir die Tränen.

Nicht, weil ich traurig war. Nicht aus Scham. Und auch nicht, weil ich etwas nicht konnte.

Mein Körper hat reagiert.

Und gleichzeitig habe ich etwas sehr deutlich gespürt:

Ich bin ungeduldig.

Ungeduldig mit meinem eigenen Heilungsprozess.

Ich will, dass es schneller geht. Dass ich weiter bin. Dass Dinge wieder funktionieren. Dass ich weiß, wie es weitergeht.

Und wenn ich diesem Gefühl folge, lande ich irgendwann nicht mehr bei Ungeduld.

Sondern bei:

Was, wenn es nicht schnell genug geht?

Und dahinter:

Was, wenn ich es nicht schaffe?

Da wird aus Ungeduld plötzlich etwas ziemlich Existenzielles.

Und ich musste an ein Modell denken, das mich seit meinem Studium bei Friedemann Schulz von Thun (Schulz von Thun Institut für Kommunikation) vor mehr als 25 Jahren begleitet:

das Riemann-Thomann-Modell.

Es basiert auf Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“, wurde von Christoph Thomann weiterentwickelt und von Schulz von Thun in seiner Kommunikationspsychologie aufgegriffen.

Zwei Achsen:

Nähe ↔ Distanz
Dauer ↔ Wechsel

Ich lande ziemlich eindeutig in der Wechsel-Nähe-Ecke.

Wechsel heißt für mich Bewegung, Entwicklung, Möglichkeiten, gestalten.

Nähe heißt Resonanz, Verbindung, nicht allein sein.

Beides sind große Ressourcen.

Aber was passiert mit einer Ressource unter existenziellem Druck?

Bei mir offenbar:

Noch mehr davon.

Wenn Stillstand Angst macht, gehe ich in Bewegung.

Ich mache, entwickle, suche Lösungen, verändere.

Denn solange ich etwas tue, habe ich das Gefühl, Einfluss zu haben.

Nur lässt sich ausgerechnet das, was ich gerade am liebsten beschleunigen würde, nicht beliebig beschleunigen:

Heilung.

Mein Kopf weiß das längst.

Er sagt:

„Gib Dir Zeit.“

Mein Körper antwortet:

„Wir haben keine Zeit.“

Vielleicht liegt genau da meine eigentliche Aufgabe.

Nicht darin, meine Ungeduld loszuwerden.

Sondern herauszufinden, was sie mir sagen will.

Den Druck wahrnehmen. Die Nervosität. Die Angst.

Und nicht sofort in den Wechsel zu gehen.

Vielleicht muss mein Körper erst noch lernen, was mein Kopf längst verstanden hat:

Es darf langsam gehen.

Stillstand bedeutet nicht, dass nichts passiert.

Und plötzlich bin ich wieder bei meinem Raum für Veränderlichkeit.

Vielleicht muss ich diesen Raum nicht nur anderen zugestehen.

Vielleicht muss ich ihn mir selbst geben.

Und jetzt interessiert mich:

Was ist Eure Ungeduld?

Ist sie wirklich Ungeduld?

Oder könnte sie die Verkleidung von etwas ganz anderem sein? Zum Beispiel Wut? Oder Traurigkeit?