Die Funktionseinheit: Warum starke Frauen sich selbst am häufigsten verlieren

von Marlies Koel – 18. August 2026

Sie ist die Frau, auf die sich alle verlassen. Sie liefert, sie organisiert, sie hält alles zusammen - im Job, in der Familie, im Freundeskreis. Wenn etwas erledigt werden muss, landet es bei ihr. Weil es bei ihr immer erledigt wird. Von außen sieht das nach Stärke aus. Und das ist es auch.

Nur: Irgendwann wird aus „ich schaffe das" ein „ich kann nicht mehr aufhören." Und keiner merkt es. Weil sie ja funktioniert.

Wer nie zusammenbricht, wird auch nie gefragt: „Wie geht es dir eigentlich - wirklich?"

Ich begleite seit über dreißig Jahren Menschen an ihren Wendepunkten. Und ich begegne ihr immer wieder - der Frau, die alles im Griff hat und sich selbst dabei verloren hat. Sie ist der erste von sieben Erschöpfungstypen, denen ich in meiner Arbeit regelmäßig begegne. Ich nenne sie: die Funktionseinheit.

Der Satz, den ich nie vergessen habe
Vor einigen Jahren saß eine Frau vor mir. Erfolgreich, verlässlich, von allen geschätzt. Und dann sagte sie diesen einen Satz — leise, fast beiläufig:

„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Aber ich funktioniere hervorragend."

Sie lachte dabei. Das Lachen saß nicht ganz.

Ich habe diesen Satz nie vergessen. Weil ich ihn seitdem in so vielen Varianten gehört habe - von Menschen, die alles im Griff haben und trotzdem das Gefühl nicht loswerden, neben ihrem Leben zu stehen.

Was die Funktionseinheit kennzeichnet
Die Funktionseinheit ist nicht schwach. Im Gegenteil. Sie ist oft die Kompetenteste im Raum. Genau deshalb wird sie am seltensten gefragt, wie es ihr geht — weil alle davon ausgehen: Bei ihr läuft es ja.

Ihre Erschöpfung ist kein Leistungsproblem. Sie hat nur, oft über viele Jahre, verlernt, dass ihr Wert nicht daran hängt, wie viel sie trägt.

Typische Muster der Funktionseinheit:

— Sie übernimmt Aufgaben, die eigentlich anderen gehören, weil sie weiß, dass sie es am besten erledigt.

— Sie macht keine Pause, weil mit der Pause auch die Unruhe kommt.

— Erfolge kommen innerlich kaum an — es geht sofort zum Nächsten.

— Sie weiß genau, was alle anderen brauchen. Aber wenn jemand fragt, was sie braucht, wird sie still.

Warum Funktionieren zur Identität wird
Funktionieren ist in unserer Gesellschaft eine hoch belohnte Eigenschaft. Wer liefert, wird gelobt. Wer trägt, wird gebraucht. Wer nie klagt, gilt als stark.

Das Problem: Mit der Zeit wird aus einem Verhalten eine Identität. Die Frau definiert sich nicht mehr über das, was sie fühlt oder wer sie ist, sondern über das, was sie leistet und für andere bedeutet.

Aus der Nervensystem-Perspektive ist das gut erklärbar: Wer früh gelernt hat, dass Fürsorge und Zuverlässigkeit Sicherheit bedeuten, wird dieses Muster unbewusst weiterführen, auch dann, wenn es längst zu viel wird. Der Körper kennt keinen anderen Weg.

Und irgendwann meldet sich der Körper. Als Erschöpfung. Als Schlaflosigkeit. Als dieses diffuse Gefühl: Etwas stimmt nicht.

Die entscheidende Frage
Nicht: „Wie schaffe ich noch mehr?"

Sondern: „Lebe ich wirklich - oder werde ich gelebt - oder überlebe ich nur?"

Diese Frage steht im Mittelpunkt meines Buches „Hol dir deinen Lebensberechtigungsschein! Freiheit für dich: Alte Muster entschlüsseln und ganz du selbst sein", das Anfang Oktober 2026 beim Gallip Verlag erscheint.

Es ist kein Ratgeber, der sagt, was mit dir nicht stimmt. Es ist ein Weg — körperlich, Schritt für Schritt. Für Frauen und Menschen die sich wie Funktionseinheiten fühlen. Für alle, die hervorragend funktionieren und sich selbst dabei verloren haben.

Den Lebensberechtigungsschein stellt dir niemand aus. Du holst ihn dir.

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