„Wenn ich eine Diagnose bekomme, verkaufe ich alles.“

von Antje Petershagen – 14. August 2026

Diesen Satz habe ich nicht von einem Klienten gehört, nicht in meinem Büro, auch nicht in einem Krankenhaus. Und auch nicht in einem Gespräch über Krankheit.
Ich saß mit einem 43-jährigen Mann in einem alten Gewölbe, weil es draußen so heiß war. Wir hatten uns aus einem geschäftlichen Anlass getroffen. Ich brauchte seine Dienstleistung, mehr eigentlich nicht.

Und dann passierte etwas, das ich nicht geplant hatte:
Wir fanden sehr schnell einen eigenen Berührungsraum.
Ein Gespräch, in dem man nicht lange erklären muss, wer man ist. In dem plötzlich Gemeinsamkeiten auftauchen. In dem aus einem geschäftlichen Treffen ein echtes Gespräch zwischen zwei Menschen wird.

Irgendwann erzählte er mir von einem Gedanken, den er schon länger hatte. 
Wenn er eine Diagnose bekäme, würde er einen Zettel hinterlassen.
Darauf würde stehen, Verkauft alles und schickt mir einen Teil des Geldes.
Ich lebe jetzt auf meiner Lieblingsinsel ein gutes Leben.
Ich war einen Moment still.

Nicht, weil ich diesen Wunsch nach einem anderen Leben nicht verstanden hätte. Im Gegenteil, ich fand ihn wunderbar. Eine Leben auf einer Insel, seiner Lieblingsinsel.
Was mich berührte, war etwas anderes.

Er wartete auf eine Diagnose, auf einen medizinischen Grund, der ihm erlauben würde, sein Leben zu verändern.
Und ich fragte ihn: „Warum warten Sie auf eine Diagnose?“

Er sah mich an, ehrlich erstaunt. „Sollte ich nicht auf eine warten?“

Dieser Satz ist mir geblieben und ich habe ihn auch mit auf den Nachhauseweg genommen, ich hatte einen langen Fußmarsch zurück.
Vielleicht, weil ich selten erlebt habe, dass jemand so deutlich ausgesprochen hat, was wir viel häufiger tun, als wir denken.
Wir warten auf so viele gelegenheiten, auf die Kinder, die erst größer werden müssen, auf die Berentung, auf weniger Arbeit, auf mehr Geld, auf bessere Zeiten.
Und manchmal – offenbar – sogar auf eine Krankheit.

Als bräuchte es erst eine Diagnose, damit das eigene Leben plötzlich wichtig genug wird, um es wirklich zu leben.
Ich habe ihm keine Antwort gegeben.

Ich habe ihn nur gebeten, bis zu unserem nächsten Treffen einmal darüber nachzudenken, ob es vielleicht auch eine andere Lebensplanung geben könnte.
Eine, die keine Diagnose braucht.

Seitdem denke ich selbst über diesen Satz nach.
Denn vielleicht ist das die unbequeme Frage hinter vielen unserer Lebensentwürfe.

Wie lange wollen wir eigentlich noch auf eine Erlaubnis warten, unser eigenes Leben zu leben?

Und wer, außer uns selbst, könnte sie uns geben?

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