„Soll ich dankbar sein, dass ich Krebs hatte?“
von Antje Petershagen – 20. August 2026Sabine, eine Klientin fragte mich das und ich hatte keine "perfekte" Antwort parat. Ich kenne die Frage und habe sie mir selbst auch schon gestellt. Ich habe mich langsam zu einer Antwort hingearbeitet, das kann ich sagen.
Der Krebs hatte etwas in ihrem Leben verändert.
Sabine hatte Entscheidungen getroffen, die sie ohne diese Erkrankung wahrscheinlich nicht getroffen hätte. Sie hatte begonnen, genauer hinzusehen. Auf ihr Leben, ihre Beziehungen, auf das, was ihr wirklich wichtig war. Manches, das schon lange nicht mehr zu ihr passte, hatte sie hinter sich gelassen.
Das ist die eine Seite.
Die andere ist ihre Fatigue, diese bleierne Erschöpfung, die nicht einfach verschwindet, nur weil die Behandlung vorbei ist. Diese Tage, an denen sie eigentlich etwas Schönes vorhat und dann merkt, dass die Kraft dafür nicht reicht.
„Und dafür soll ich dankbar sein?“
Nein.
Für den Krebs selbst muss sie nicht dankbar sein.
Wir sprechen nach einer schweren Erkrankung gerne darüber, was sie uns gelehrt hat. Was wir verändert haben. Was plötzlich wichtiger geworden ist. Das kann alles stimmen.
Aber daraus folgt nicht, dass wir für die Erkrankung dankbar sein müssen.
Ich denke an eine andere Klientin, die mich einmal fragte:
„Wenn ich nicht dankbar bin für das, was mir der Krebs gebracht hat – bin ich dann undankbar?“
All diese Fragen kommen häufig nach der Akuttherapie, weil wir dann mehr Zeit haben zu reflektieren, die Routine, die uns durch den Tag getragen hat, ist plötzlich nicht mehr da.
Dankbarkeit nach Krebs kann sehr widersprüchlich sein. Sie kann neben Wut stehen, neben Trauer, neben Erschöpfung.
Neben dem Gedanken, ich hätte mein Leben auch ohne diese Diagnose verändern wollen.
Ich nenne das für mich inzwischen fragmentierte Dankbarkeit.
Nicht die große Dankbarkeit für die Krankheit.
Sondern einzelne Momente, Menschen und Entscheidungen, für die ich dankbar bin.
Das eine nimmt dem anderen nichts weg.
Ich kann für mich sagen:
Der Krebs hat mein Leben verändert.
Und gleichzeitig hätte ich sehr gerne darauf verzichtet.
Ich kann mein heutiges Leben schätzen und mein früheres vermissen.
Ich kann an dem wachsen, was mir widerfahren ist, ohne dafür dankbar sein zu müssen, dass es mir widerfahren ist.
Vielleicht ist das sogar die ehrlichere Form von Dankbarkeit.
Nicht aus der Krankheit im Nachhinein eine gute Geschichte machen zu müssen.
Sondern anzuerkennen, dass eine schwere Erfahrung vieles in Bewegung bringen kann, auch Dinge, die man sich niemals freiwillig ausgesucht hätte.
Ich muss den Krebs nicht dankbar annehmen, um das Leben, das danach gekommen ist, lieben zu können.
Auch Sabine wird für sich Antworten finden, vielleicht braucht es auch noch erst einmal neue Fragen.
#Psychoonkologie #Krebs #Dankbarkeit #LebenNachKrebs #Fatigue #Krebsnachsorge #Survivorship #Lebensqualität #Psychoonkologie20 #Berührungsräume