Alle sehen meine Stärke. Aber kaum jemand sieht, was sie mich manchmal kostet.

von Heika Rogge - Meinen – 20. August 2026

„Du bist so stark.“
„Du bekommst das schon hin.“
„Auf dich kann man sich verlassen.“
„Ich bewundere deinen Mut.“

Solche Sätze habe ich oft gehört.

Und ja – ich bin pragmatisch.
Ich kann organisieren.
Ich kann strukturieren.
Ich treffe Entscheidungen.
Ich übernehme Verantwortung.
Und wenn es schwierig wird, suche ich meistens ziemlich schnell nach einer Lösung.

So kennen mich viele.
Und wahrscheinlich habe ich mich selbst auch sehr lange genau so gesehen.
Aber das ist nur eine Seite von mir.
Denn hinter dieser Stärke gibt es auch eine Frau, die manchmal zweifelt.

Die müde ist.
Die nicht immer entscheiden möchte.
Die sich manchmal wünscht, jemand anderes würde einfach sagen:
„Lass mal. Ich kümmere mich darum.“

Und manchmal brauche ich überhaupt keine Lösung.
Ich brauche Nähe.
Eine Umarmung.
Eine Schulter.
Einen Moment, in dem ich nichts erklären, organisieren oder tragen muss.

Gerade wenn im Außen viel passiert, kann etwas Widersprüchliches entstehen:
Obwohl wir Nähe eigentlich besonders brauchen, entfernen wir uns innerlich von den Menschen, die uns nahestehen.
Wir sind erschöpft.
Vielleicht schneller gereizt.
Manchmal kommen Worte schärfer heraus, als wir sie eigentlich meinen.
Oder wir ziehen uns zurück.

Und irgendwann entsteht dieses Gefühl:
Ich bin mit allem allein.
Dabei sehen die Menschen um uns herum häufig nur das Bild, das sie von uns kennen:
Die Starke.
Die Verlässliche.
Diejenige, die das schon irgendwie schafft.

Aber niemand kann sehen, was hinter unserer Stirn passiert.
Niemand kann automatisch wissen, dass wir gerade nicht noch einen guten Ratschlag brauchen, sondern vielleicht einfach eine feste Umarmung.
Oder Entlastung.
Oder jemanden, der sagt:
„Du musst das gerade nicht alleine tragen.“

Das habe ich in den vergangenen Wochen selbst wieder lernen dürfen.
Nicht darauf zu warten, dass andere erraten, was ich brauche.
Sondern mich zuerst selbst zu fragen:
Was brauche ich gerade wirklich?
Und dann den Mut zu haben, genau das auszusprechen.
„Ich brauche dich gerade.“
„Kannst du mich einfach einmal festhalten?“
„Ich möchte gerade keine Lösung. Hör mir bitte einfach zu.“
„Kannst du mir etwas abnehmen?“

Vielleicht bedeutet Stärke eben nicht, immer alles alleine tragen zu können.
Vielleicht zeigt sich Stärke auch darin, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen – und den Mut zu haben, sie einem anderen Menschen zu zeigen.

Fällt es dir leicht zu sagen, was du wirklich brauchst?

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